DA SEIN & DASEIN-

DA SEIN & DASEIN

Nehmen Sie einfach dem Stress den Wind aus den Segeln.

Diesen Titel prägte jüngst der Herausgeber des Journals “Psychologie heute” Heiko Ernst. Gemeint ist die Bekämpfung von alltäglichem Stress durch Akzeptanz und Achtsamkeit. Lesen Sie, wie man sich bei zu viel Fahrt selbst den Wind aus den Segeln nimmt:
Kommt Ihnen das bekannt vor? Ich will mein Auto waschen. Also gehe ich zur Garage, sehe aber unterwegs, dass noch Post auf dem Küchentisch liegt. Die Autoschlüssel neben dem Telefontisch abgelegt, öffne ich die Rechnungsbriefe, sie könnten wichtig sein, und werfe die Werbung in den Papierkorb, muss aber feststellen, dass er voll ist. Also lege ich die Rechnungen zurück auf den Tisch, um zunächst, bevor die Vergessenheit mich befällt, den Papierkorb zu leeren.

Da der Papierkontainer neben dem Briefkasten steht, könnte ich meine Post mit den Überweisungen gleich mitnehmen. Ich entschließe mich zuerst die Überweisungen zu erledigen. Ich brauche einen Kugelschreiber, den hole ich aus dem Büro. Dort finde ich neben der Tastatur meines Computers eine halbleere Dose Cola. Die Überweisungen landen am Schreibtisch, denn es wäre vernünftig, erst die Cola auszutrinken bevor sie per Unglück über die Tastatur kippt. Sie schmeckt fad und lauwarm, der Kühlschrank könnte das Getränk retten. Auf dem Weg zum Kühlschrank fällt mir auf, dass die Blumen in der Vase dringend Wasser brauchen. Die Coladose landet auf die Anrichte, wo ich per Zufall meine Lesebrille finde, die seit gestern als vermisst erklärt wurde.

Die Blumen müssen zuerst mit Wasser versorgt werden, bevor ich meine Brille in mein Büro zurücklege. Beim Füllen einer Kanne mit Wasser bemerke ich auf dem Küchentisch die Fernbedienung des Fernsehers. Jemand hat sie dort liegen gelassen, ich nehme sie mit ins Wohnzimmer, stoße dabei aber am Türrahmen an und verschütte Wasser auf den Boden. Ich lege die Fernbedienung zurück auf den Küchentisch, hole einen Lappen und wisch die Pfütze auf. Dann gehe ich zurück zum Hauseingang und versuche vergeblich mich zu erinnern, was ich eigentlich tun wollte.

Und abends resümiere ich, dass der Tag sehr gestresst war. Ich habe nichts erledigen können und bin in Kleinigkeiten erstickt. Das Auto ist nicht gewaschen, die Rechnungen sind nicht bezahlt, die Cola ist noch immer nicht kalt, die Blumen haben kein Wasser, der Papierkorb ist voll, die Fernbedienung findet keiner, und wo ist meine Lesebrille. Übrigens – die Autoschlüssel sind auch verschwunden! In meiner Wut beschimpfe ich meine Familie und geh frustriert ins Bett, wo ich über meine Reaktion nun Schuldgefühle bekämpfen muss!

WIR KÖNNEN MIT unseren Gefühlen schwer umgehen. Wir kränken uns, schlucken Zumutungen hinunter und der Alltag überfordert uns. Chronischer Ärger, unterdrückter Zorn, Ängste, Eifersucht, Hass, Depressionen sind Stresssymptome, die wir unbewusst wahrnehmen und die zu einer Grundanspannung führen, die wir schon als normal empfinden: verdrängen, überspielen oder bagatellisieren.

Die Lösung sind zwei Methoden oder besser gesagt Geisteshaltungen – Achtsamkeit und Akzeptanz. Bei der Achtsamkeit geht es darum, sein Bewusstsein bzw. sein „da sein” kennen zu lernen. Man übt sich, sich selbst als Außenstehender zu beobachten und lernt dabei, wie schnell die eigenen Gefühle vergänglich sind und sich verflüchtigen. Dadurch nimmt man ihnen die Macht uns zu ergreifen, aufzuregen oder zu ängstigen.

Bei der Akzeptanz meint man, die Gefühle nicht sofort zu bewerten oder darauf zu reagieren. Fühlen wir uns angegriffen, verteidigen wir uns mit Gegenangriff anstatt unser Gefühl der Kränkung innerlich zu akzeptieren. Gefühle geben unser Innerstes preis, was uns angreifbar macht. Der Schutzreflex als Reaktion hat viele Fassetten. Akzeptieren wir den Augenblick der Gefühle, dann entsteht daraus ein Realitätsbewusstsein bzw. „Dasein”.

EINMAL GANZ EHRLICH – ist Stress denn nicht ein Objekt unserer Emotionen, unserer Gefühle? Mit dieser Erkenntnis haben wir es in der Hand, unserem Stress den Wind aus den Segeln zu nehmen und uns den Strömungen des Lebens anzuvertrauen.

Zöchling Erich, 2008